
Die Dosen von Nona Otarashvili
Auf der Suche nach einer einfachen Gefäßform als Basis für grafische Oberflächengestaltungen kristallisierte sich bei den keramischen Objekten, den "Dosen", von Nona Otarashvili Becher der Kubus als statischer und strenger, auf das Wesentliche reduzierte Körper heraus. Die Oberflächen der Dosen laden zum Entdecken ein: Sie sind mit verschiedenfarbig engobierten Partien überzogen, die sich in ihrer Form, Textur und Struktur abwechseln. Auf diese Flächen überträgt Nona Otarashvili eigene Zeichnungen, ritzt Schriftzeichen ein und bedruckt sie mit Bildern oder Texten. Das können eingeritzte Worte auf Georgisch, der Muttersprache der Künstlerin, sein, gedruckter Text in deutscher Sprache, spiegelverkehrt oder richtig herum, oder eigenhändige, auf den Ton übertragene Zeichnungen sein. Bei der Ideenentwicklung spielen Zufall und Spontaneität eine große Rolle. Die Keramikerin sammelt Bilder, Texte oder Fotographien und entwickelt aus dem Vorhandenen Geschichten, die sie auf ihren Dosen erzählt.
Auf manchen Dosen sind eigenartige Gebilde zu entdecken, die an Hochhäuser mit Rädern erinnern und von der Künstlerin selbst gezeichnet wurden. Pfeile, kaum entzifferbare krakelige Schriftzeichen sorgen für Dynamik und Bewegung auf der Oberfläche. Plakativer wirken daneben häufig wiederkehrende Motive wie die gedruckten Bilder von Menschen, Ballettschuhen, Flugzeugen oder das Zebra. Besonders persönliche Geschichten erzählen die flachen, runden „Filmdosen“, deren Grundform tatsächlich von Metallbehältern für Filmrollen herrührt. Sie sind sowohl innen als auch außen von schriftlichen und bildlichen Anspielungen auf die Lieblingsfilme der Künstlerin überzogen.
In der Verwendung des Materials für die Dosen legt sich die Künstlerin nicht fest, sie experimentiert mit ständig neuen Tonsorten: mit grobkörnigem, feinem, hellem, dunklen, roten oder schwarzen Ton oder auch Porzellan. Es fasziniert sie, eine Ton-Art mit ihren spezifischen Eigenschaften an den Charakter des Objekts anzupassen. Die Materialität wird dem Betrachter jedoch meist erst beim Öffnen der Dosen bewusst, wenn der Gegensatz zwischen dem reich dekorierten Äußeren und dem schlichten Inneren offenbar wird.
Einige Dosen haben jedoch ein überraschendes Innenleben, als ob die Farben von außen nach innen gewandert wären, um dann bei Abnahme des Deckels "herauszuspringen".
Seit einiger Zeit verändert sich die Form der Objekte jedoch: die Dosen bekommen Füße oder Griffe und wachsen in die Höhe oder in die Länge. Einige der letzten Arbeiten weisen sogar in Form und Oberflächengestaltung eine Nähe zu Architektur auf.
Gestalterisch wie die Dosen werden die Schauseiten der mit Grifflöchern versehenen Tabletts behandelt. Sie sind gleichsam die nochmalige Reduktion des in der Form bereits reduzierten Kubus auf nur eine Fläche – der Ton wird zum Papier für als Grundlage für die graphische Gestaltung durch Nona Otarashvili.
Cristina Richl, Kunsthistorikerin M. A.
